Controllingrat von "Ketten-Rudi"
Derlei Fehlerquellen sollte die statistische Spartenvollkostenrechnung bei Miele endlich zuverlässig verstopfen. Schon zu Studienzeiten nämlich war Alfred Bremer auf jenen "Betriebsvergleich des Handels" gestoßen, mit dem der renommierte Kölner Wirtschaftsprofessor Rudolf Seyffert den in den 50er Jahren aufblühenden Handelsketten bei einer Frühform modernen Benchmarkings half. "Ketten-Rudi" - so dessen Spitzname auf dem Campus - "hat mir wichtige Impulse für das spätere Vertriebscontrolling bei Miele vermittelt", sagt Bremer heute. Denn die aus dem Jahr 1968 stammende Miele-Ergebnisrechnung entwickelte Bremer so weit fort, daß im Vertriebsbereich schon 1984, als Panta Rhei mit der Beratung begann, die Aufteilung nach 20 Kostenarten üblich war. Nun konnten sich die Leiter der Vertriebszentren zwar darüber informieren, wie ihre Verkaufs- und Kundendienstbemühungen insgesamt im Vergleich zu denen der Kollegen abschnitten. Doch das bei weitem aufschlußreichere Herunterbrechen auf die vier Sparten war damit noch lange nicht möglich.
Kein Wunder, daß sich das Verkaufsbüro in Nürnberg schlecht behandelt fühlte, wenn es aufgrund seiner vergleichsweise hohen Außendienstkosten mal wieder gedeckelt wurde - es war eben nicht transparent, daß die Vertreter in diesem ländlichen Verkaufsgebiet überdurchschnittlich viel Arbeitszeit auf die erklärungsintensive Agrartechnik verwenden mußten. Und die vielgelobten Kollegen aus Mannheim standen womöglich doch nicht ganz so blendend da - Melk- und Fütterungsmaschinen spielten in dem urbanen Ballungsraum keine Rolle, Staubsauger und Wäschetrockner hingegen "hätten sich auch von allein verkauft" (Schenck).
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Ausweg aus dem Arbeitsmangel
Daher machte sich das Panta-Rhei-Duo zunächst daran, sämtliche Miele-Vertriebszentren in Deutschland abzuklappern, um wichtige Betriebsdaten zu sammeln. Ganz besonders interessierten sich die Consultants für die Faktoren Gebietsfläche und Händlerstruktur, denn in einer großen Verkaufsregion wie Hamburg, die bis Ostfriesland reicht, fallen naturgemäß längere Wegstrecken an als in einem kleinen Gebiet wie Aachen, das später sogar mit dem Kölner Sprengel zusammengelegt werden konnte. Ins Kalkül zogen die beiden Berater zudem die Frage, ob ein Vertriebszentrum eher für die Belieferung weniger großer oder zahlreicher kleiner Händler zuständig war - der logistische Aufwand kann stark variieren.
Den Anteil der vier Produktgruppen am Vertriebsaufwand der Verkaufsbüros hatten die Ettlinger bald als wichtigste Kenngröße enttarnt. Folglich werteten sie im nächsten Schritt mit Hilfe eines bewährten Statistikprogramms ihre Zahlenreihen aus: "dabei ist erhöhte Vorsicht geboten", warnt Berater Keydel, "denn Fehlinterpretationen führen auf kostspielige Weise ins Verderben" (siehe Erläuterung). So müssen die Umsätze der untersuchten Sparten voneinander unabhängig sein, um die Ergebnisse der multiplen Regression nicht zu verfälschen: "Bei unserem Kunden BMW beispielsweise konnten wir die 7er- und 8erModellreihen nicht getrennt betrachten", berichtet Christian Schenck aus der Praxis, "weil zahlreiche Kunden im Zweifelsfall auch das jeweils andere Auto kaufen würden." Bei der Alternative Staubsauger oder Melkmaschine hingegen kommen die Kunden nicht so leicht ins Wanken.
Als Ergebnis der multiplen Regression erhielten die Consultants sodann Durchschnittskostensätze für die Miele-Sparten eins bis vier, die durch Multiplikation mit den jeweiligen Spartenumsätzen erste Aufschlüsse über die Soll-Vertriebskosten der 29 Verkaufsbüros lieferten. Ein Abgleich mit den tatsächlichen Personalkosten, Reisespesen, Mietausgaben oder Heizungsgebühren ergab schließlich eine Reihe von Ranglisten der best- und schlechtestplazierten Vertriebszentren.
So schlicht das Verfahren anmuten mag - "für Mathematiker ist es geradezu trivial" (Keydel) - so gibt Miele-Prokurist Alfred Bremer dennoch zu bedenken, daß es im täglichen Gebrauch wertvolle Dienste zu leisten vermag: "Die meisten Leiter unserer Vertriebszentren haben nicht studiert, sondern das Verkaufen von der Pike auf gelernt", sagt der Controllingexperte, "da nützt uns Spezialistenstochastik wenig." Die Interpretation der innovativen Kostenbetrachtung nämlich obliegt bei Miele nicht allein der Zentrale in Gütersloh, sondern auch den Büroleitern vor Ort. So konnte Rudolf Niewöhner, Leiter des Vertriebszentrums Saarbrücken, 1988 nachvollziehen, daß es Sinn machen würde, das kleine Verkaufsbüro Kaiserslautern zu schließen: Die Westpfalz wurde der Außenstelle Saarbrücken zugeschlagen, die Kurpfalz ging an Mannheim.
Nun jedoch tat sich ein Problem auf: Wohin mit dem überzähligen Reisenden in Sachen Gewerbetechnik? Einen auskömmlichen Mindestumsatz hätte Niewöhner dem Mann nicht garantieren können. Doch die Ergebnisse der Vertriebskostenrechnung wiesen einen Ausweg: Inzwischen teilen sich die Regionen Mannheim und Saarbrücken den verdienten Mitarbeiter, worüber sich auch Vertriebler Niewöhner freut: "Der Mann hat seinen Horizont erweitert", so sein Teilzeitchef, "denn nun kann er große Industriekunden wie BASF besuchen, aber auch das anspruchsvolle Klinikum in Homburg."
Ohnehin halten die Miele-Oberen ihre neue Kostenanalyse, die den Ettlinger Beratern bis zum Projektende 1991 allein aus Gütersloh ein Honorarvolurnen von rund einer Million Mark bescherte, nebenbei für ein geeignetes Motivationsinstrument: "Auf die aktualisierten Rankings stürzen sich nicht nur die Leiter der Vertriebszentren begierig wie auf die neue Tabelle der Fußballbundesliga", sagt Alfred Bremer. Und angesichts von Gesamtvertriebskosten "im dreistelligen Millionenbereich" (Bremer) sind schon kleinste Besserungen bei Laune und Liquidität hochwillkommen.
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Abschied vom Agrarsektor
Manchmal allerdings verhageln die Ergebnisse der statistischen Spartenvollkostenrechnung den Betroffenen die Stimmung: Einen seiner drei Saarland-Reisenden konnte Rudolf Niewöhner als notorischen Schwerenöter entlarven, dessen mangelnde Arbeitsdisziplin anhand schlechter S2VR-Zahlen endlich zu beweisen war. Niewöhner setzte den Müßiggänger an die rauhe Büroluft und legte seine Verkaufsregionen zu zwei Reisegebieten zusammen. Mit dem Abschneiden seines Vertriebszentrums ist Leiter Niewöhner seither wieder "rundum zufrieden".
Von der umstrittenen Sparte Melk und Fütterungstechnik jedoch konnten die Miele-Manager das nicht behaupten; ihre Berater Keydel und Schenck wiesen schlüssig nach, daß dieses Geschäft nur mit unvertretbar hohen Vertriebskosten aufrechtzuerhalten war. Schließlich verkauften die Gütersloher den angestammten Agrarbereich an einen Wettbewerber im benachbarten Oelde, der den Namen Miele noch bis zum Juni diesen Jahres nutzte. "Bei aller Wehmut", sagt Berater Schenck, "der schmerzhafte Schnitt war nötig." Und sein Partner Keydel ergänzt: "Beim Controlling müssen sich auch Traditionshäuser wandeln."
Nicht umsonst haben die beiden ihre Gesellschaft "Panta Rhei" getauft - der griechische Sinnspruch bestätigt:
"Alles fließt."
Henning Krogh